An den Ursprüngen

Alphorn Experience: Alp Morgeten zeigt Historisches in modernem Kleid

Historisches in modernem Kleid zeigte die Alp Morgeten und das Quartett „Alphorn Experience“ am Wochenende des 11. und 12. August 2018, weit oben, an der Grenze zum Gantrisch-Gebiet, oberhalb Oberwil: In zwei „Inszenierungen vor Ort“ wurde die Situation und Spielweise der ursprünglichen Alphornmusik in eindrücklicher, aber auch unterhaltender Weise dargestellt.

Es war kein reines Konzert, was man dort erleben konnte, und doch ging es zutiefst um eine musikalische Aufführung: Die aus den Alpsignalen der Berghirten entstandene Alphornmusik konnte man nicht nur an ihren Ursprüngen – auf der Alp, bei den Herden – , sondern auch in ihrer ursprünglichen Funktion erleben. „Kühreihen“ , wie das Programm betitelt war, dienten in gar nicht so ferner historischer Zeit tatsächlich zum Zusammenrufen von Rindern, Schafen und Ziegen in den höchsten Bergweiden. Das Alphorn, ein Arbeitsgerät.

Was das teils aus dem Simmental stammende Quartett „Alphorn Experience“  (Heinz Maeder, Christian Schmitter, Sami Lörtscher, Mike Maurer) dann aber auf der Alp darbot, war weit mehr als ein „Lehrstück“: In einer immer spannender und moderner werdenden Inszenierung bewegten sich die Musiker von den ursprünglich besetzten vier unterschiedlichen Hügeln aus spielend und spielerisch aufeinander zu, und sie vereinigten sich in einem eng gestellten Ensemble-Spiel mit Musik heutiger  Prägung direkt am Rand der Alp Morgeten. Und da, in den letzten Minuten der Aufführung, da spürte man auch den fast jazzigen Ansatz der Inszenierung: Die oft sehr rhythmischen Bearbeitungen der alten Musik rissen die vielen Zuschauer und Zuhörer immer wieder zu spontanem Beifall hin.

„Kühreihen – Eine Inszenierung vor Ort“, das an diesem Samstagabend und am darauffolgenden Sonntagvormittag eine wirkliche Attraktion, eine Premiere allzumal, denn solch eine szenische Umsetzung in der Ursprungsumgebung des Alphorns, die  gab es wohl noch nie.

Was man sehen kann: Medien und Wahrnehmung

Viel zu sehen gab es dabei allemal, und es war ausgesprochen interessant, wie wir „modernen Menschen“ – Jung und Alt in fast gleicher Weise – die ursprünglich als „Arbeits-Signal“ konzipierte Alphornmusik optisch aufnahmen: Handys, Kameras, Ferngläser und ein ständiges Zeigen auf die Teile der Inszenierung – zu der auch das sich unweit der Geschehnisse aufhaltende Vieh zählte – waren die Medien, mit denen man heute das historische Erbe wahrnimmt.

Was man wissen kann: Lernen durch Erleben

Was man über das musikalische Erbe wissen kann ist, dass Alphorn-Blasen einfach Teil der Arbeit war, auf den Gebirgsweiden der Vergangenheit. Und auch das sah man sprichwörtlich, als zuerst das Vieh auf die Weide getrieben wurde und dann die Alphornbläser regelrecht „bei der Arbeit“, das Vieh mit ihren Signalen rufend, von den Weiden abstiegen.

Was man hören kann: „Bewegung der Seele“

Was man an Alphornmusik hören konnte, war ausgesprochen vielfältig und bewegend. Neben alten Schweizer Vorlagen wurden bei der Inszenierung „Kühreihen“ auch Motive aus Rumänien und dem Kaukasus verwendet. Hören konnte man auch die manchmal fast „schräg“ wirkenden „nicht temperierten“ (Musikersprache)  Leittöne der Arrangements. Das ist historisch korrekt und gab dem Ganzen einen oft fast archaischen Klang. Und man hörte den „Gang durch die Zeit“.

Was an Erlebnis bleibt: Eindrückliche Einkehr

Für die Menschen, die dabei waren, bleibt wohl weit mehr als ein Abend oder Morgen auf der Alp. Es bleibt eine tiefe Ruhe, ein inneres Zurückkehren an einen heute kaum noch vorhandenen Ort innerer Ruhe: Leben in gemessenem Schritt.

Aber auch die Tiere haben reagiert, nein, sie waren Teil des Ganzen. Sie haben in manchen Momenten richtiggehend mitgemacht. Und so manches Rindvieh hat die – musikalisch gewollten – Dissonanzen mit einem fast protestierenden Muhen quittiert, oder doch zumindest kritisch beobachtet.

Es bleibt zu hoffen, dass die kommenden Inszenierungen der „Kühreihen“ (Kandersteg am 24.8.2018 in der Nordic Arena) ebenso gut besucht und ebenso tief genossen werden, wie es das Wochenende auf der Alp Morgeten war.

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