Bewegen oder Bewegt-Werden

Digitale und politische Herausforderungen des Detailhandels sind gewaltig

Dass Einzelhändler in Spiez – an der „schönsten Bucht Europas“ – ihre Herausforderungen kennen, wurde anlässlich eines eigens organisierten Besuchs bei einigen Detailhändlern in Spiez an einem Freitag Anfang August 2018 klar. In Begleitung von Spiez Marketing haben wir sechs Gewerbetreibende besucht, viele mit Wurzeln oder Wohnsitz im angrenzenden Simmental, die uns einen tiefen Einblick in die Gefahren und Möglichkeiten ihres Gewerbes gegeben haben.

Im Zentrum des Interesses aber stehen immer die Kernfragen: Was braucht es, um heute als Detailhändler im Berner Oberland noch erfolgreich zu sein? Wie besteht man den Wettbewerb mit den grossen Ketten und Einkaufszentren? Wie stellt man sich zu der enormen Kraft des Online-Handels? Und was kann man machen, wenn „die Politik“ bisweilen an den „Leuten vorbei“ entscheidet?

Dabei waren es genau diese persönlichen Stimmen der Eigentümer und Geschäftsführer, die uns interessiert haben. Und die Persönlichkeiten, die dahinter stecken. Und dann ist man erstaunt: Es sind viele Simmen- und Kandertaler im Spiezer Detailhandel und auch im Spiez Marketing aktiv – und erfolgreich. Wimmis ist da natürlich vertreten (z.B. in der „Goldschmiede Krauss“), aber auch Därstetten (Spiez Marketing) oder auch Erlenbach (Schöni AG mit den Strandkörben), um nur einige Beispiele zu nennen. Und würde man genauer suchen, könnte man sicher noch mehr davon entdecken: Die „Täler“ hat es an den See gezogen.

Es geht letztlich – und das ist der Kern von allem – für den Detailhandel immer um die Nähe zum Kunden. „Markt“, das ist, wenn sich zwei begegnen, die einen glücklich verlaufenden Austausch – Leistung und Gegenleistung – miteinander hinkriegen. Darin sind sich alle einig. Nur: Wie erreicht man diese Nähe, wie schafft man es als Detailhändler, dass der Kunde, wenn er etwas sucht, gleich auf „mein Geschäft“ stösst? Und dann auch noch kauft, in diesen Zeiten? – Die Antwort ist weit über den Kanton hinaus von Bedeutung.

Alle sind sich auch darüber einig, dass es nicht genügt, „in das Geschäft zu sitzen und zu warten“. Der Gewerbeverband Spiez organisierte daher zusammen mit Spiez Marketing am zweiten Augustwochenende erneut das „Usestuhle“: Ein imposantes „Happening“, eine Art gut organisierter Spontan-Event, „rauf und runter“ in der Spiezer Oberlandstrasse und auf den angrenzenden Plätzen. Und alle „sitzen“ vor Ihren Läden und bieten ihren Gästen etwas an, zeigen ihnen ihr Angebot, laden – wortwörtlich „in den Laden“ – ein, da zu bleiben oder einfach nur ein anderes Mal wiederzukommen.

Auch Adelboden versuchte dies in den Sommerwochen – an mehreren Abenden – mit dem „Aabesitze“, wobei dort das Schwergewicht eher auf einer verkehrsfreien Fussgängerzone und einem touristischen Angebot liegt. Spiez aber will den Einzelhandel fördern – dauerhaft und nicht nur saisonal – und macht sich dafür grosse Mühe.

Wir wollen hier einige Stimmen zu Wort kommen lassen, die sich – wie es den Anschein hat – ideen- und erfolgreich für ihr Oberländer Gewerbe einsetzen. Und es hat uns von Anfang an erstaunt, wie präzise und eindrücklich sich alle ausdrücken. Die einzelnen Stimmen:

„Klare Sicht auf die Situation der Leute ist entscheidend“

Man kennt sich, man weiss voneinander, man spricht sich meist mit Vornamen an. Spiez Marketing macht den Eindruck, dass man die Situation des lokalen und regionalen Gewerbes kennt: Den täglichen, oft harten Einsatz der Detailhändler, die Bedrohung durch die grossen Zentren, die Folgen des Online-Handels, die Entscheidungen der Politik, und bisweilen auch die Herausforderungen des wachsenden Tourismus.

Doch auch hier ist man in Spiez ausgesprochen fortschrittlich: Die Projektleiterin für das „Usestuehle“, Jolanda Küng, hat zusammen mit Kolleginnen selbst einige Monate im südchinesischen Guangzhou verbracht, auch um die Sprache und Mentalität der vielen Touristen mit chinesischem Hintergrund besser kennenzulernen. Doch das Wichtigste sei es, die Praxis der Leute hier im Oberland zu kennen: „Eine klare Sicht auf die Situation der Leute hier und im näheren Umfeld ist entscheidend“, sagt die in Därstetten aufgewachsene Jolanda Küng. Zu Recht.

Doch auch ein wenig herausfordern müsse man viele Gewerbetreibende, und bloss nicht bemuttern: Förderung muss auch eine gewisse Forderung beinhalten, „nennen wir es einmal Ansporn“. Manche würden wirklich am liebsten nur in den Laden sitzen, und da sei das „Usestuehle“ das richtige Konzept, denn es bietet nicht nur Gelegenheit für zukünftiges Geschäft und bringt die Leute „wieder einmal“ zusammen, sondern es „schafft auch Bewusstsein – bei allen, die damit zu tun haben. Man redet wieder miteinander.“

„Wir erbringen Dienstleistungen, das Produkt ist nur das Ergebnis“

Es „spricht sich einfach herum“, das ist seine Haltung. Markus Krauss, der in Wimmis beheimatete und in Spiez arbeitende Goldschmied, ist ein äusserst begabter Netzwerker und freut sich schon deshalb auf das „Usestuehle“.

Wenn man mit ihm spricht, dann hat man schnell das Gefühl, dass er vor allem sein Gegenüber weiterbringen will, und gar nicht zuerst sich selbst. Das schafft – zusammen mit der tadellosen handwerklichen Arbeit – ein grosses Vertrauen. Und Markus Krauss ist deshalb als Berater in Sachen Schmuck sehr gefragt, und das nicht nur im Berner Oberland, sondern auch im Wallis, von wo immer wieder Kunden kommen und besonders an der Umformung von altem Familienschmuck in neue, modernere Stücke interessiert sind.

Krauss hat deshalb schon seit einiger Zeit auf ein Dienstleistungskonzept umgestellt (erst kürzlich hat diese Zeitung darüber berichtet): Im Vordergrund steht für ihn und seine Mitarbeiter die Beratung der Kundschaft im Umgang mit Schmuck. Schmuckumformung (aus alt mach neu), Schmuckreinigung oder auch individuelle Anfertigungen stehen im Zentrum.

Die „Goldschmiede“ macht etwas, was weder die grossen Zentren mit ihren Handelsketten können, noch der Online-Handel: Sie erbringt eine individuelle Dienstleistung mit einem hohen Anteil von Beratung. Dennoch setzt auch Krauss auf eine Verstärkung der Online-Präsenz und der – in Schritten – immer direkter werdenden Kommunikation mit den vielen Kunden im Simmen-, Kander- und Rhônetal.

„In meinem Laden, hier drin, da kann ich jeden glücklich machen“

Für Bea Furer („Weinkiste“) ist es die entscheidende Frage: Sind die Leute einmal in ihrem Laden, einer Weinhandlung, so hat sie fast jedem etwas zu bieten. Und sie überzeugt durch eine souveräne Sympathie und grosse menschliche Stärke: „In meinem Laden, hier drin, da kann ich jeden glücklich machen“.

Draussen, „vor der Türe“, da sei sie nur „eine Stimme im Zusammenspiel der Anderen, der Kollegen und der Politik“. Doch das ist eine offensichtliche Untertreibung, gehört sie doch geradezu zu den „Vorzeigefiguren“ der Idee vom „Usestuehle“. Und vielleicht ist sie sogar, die „Seele“ des Ganzen.

Bea Furer setzt – wie andere auch – auf einen sehr individuellen Service, obwohl es angeblich „nur“ um ein Getränk (Wein) geht. Doch da, so sagt sie sinngemäss, werde sowohl der Wein als auch die Leute unterschätzt. Und die grossen Ketten, die könnten das nicht bieten, was sie – Bea Furer – bieten könne. Dabei wirkt sie sehr entgegenkommend, gewinnend und überhaupt nicht überheblich. Das Wichtigste sei es, auch mit Online-Mitteln, die Leute an den Punkt zu bekommen, an dem der Verkauf stattfinden könne: Und das sei bei ihr der Laden. „Mein Laden“, sagt sie lächelnd.

„Wer sich nicht bewegt, wird wegbewegt“

Es ist vielleicht der treffendste Satz des ganzen Tages, und Jolanda Burri-Rohrer, die Inhaberin von „Optik Bouvier“ in Spiez, fasst damit eigentlich alles zusammen, was wir an diesem Tag zusammen mit Spiez Marketing erleben. Sie hat – um im Bild einer Optikerin zu bleiben – „den Durchblick“. Und auch sie ist eine exzellente Netzwerkerin.

Auch sie will die Kunden unbedingt im Laden haben, doch so manche eher standardisierte Leistung geht bei Ihr bereits über ihre gut gestaltete, moderne Online-Präsenz im Internet: Viele Linsenbestellungen zum Beispiel, Terminvereinbarungen und manch andere Dinge werden über diese Online-Plattform abgewickelt. Dennoch, oder gerade deswegen, kommen die Leute ins Geschäft. Und das, obwohl Frau Burri-Rohrer sich dem Umfeld laufend anpassen muss: „Spiez hat sicher verändert“, sagt sie, es wohnen andere Leute hier als früher, und sie haben andere Gewohnheiten. Da muss man sich anpassen, immer mitgehen, das Ohr bei den Menschen haben. 

Und dann kommt der Satz, den man einfach nicht vergessen kann: „Wer sich nicht bewegt, wird wegbewegt“. Sie sei eben immer aktiv. Und am „Strassenfest Usestuehle“ am kommenden Wochenende, da macht sie mit, „weil es etwas Gutes ist“, und auch weil sie will, dass alle anderen auch mitmachen.

„Ideen – Ideen – Ideen“

Die vielleicht Mutigste von allen ist Mutter dreier Kinder und einer seit nun zehn Jahren florierenden Massagepraxis am Spiezer „Terminus“: Nathalie Studer „& Team“, wie sie schon auf der Visitenkarte betont. Und auch ihre Online-Präsenz ist sehr funktional und holt die Kunden in ihr Geschäft, etwas anderes bleibt ihr als medizinische Masseurin ja auch gar nicht übrig.

Nathalie Studer scheint andauernd alles gleichzeitig zu machen, aber sie meistert das hervorragend. Sie ist, was sie lebt, und sie sagt, was sie macht: „Ideen, Ideen, Ideen, das ist das Wichtigste“.

Und wenn mal keiner mitmacht, bei ihren Ideen, so macht sie es eben alleine: Beim letzten „Usestuhele“ 2015 stand sie tapfer alleine vor dem grossen Terminus-Gebäude und hat den Passanten Massagen zur Nackenentspannung angeboten, im Vorübergehen und kostenlos. Es war ein Erfolg.

„Am liebsten würde ich…“

Man hört diesen Satz oft, wenn man sich entspannt mit Marianne Haussener, der heiteren Mit-Sechzigerin, in ihrem kleinen Wäscheladen an der Oberlandstrasse unterhält. Und jedes Mal, wenn sie etwas Neues erzählt, würde sie etwas anderes gerne „am liebsten…“ machen, denn jedes Mal sagt und erzählt sie es auf vollem Herzen, mit einem warmen Ton in der Stimme und einem herzlichen Lachen. Und so, als sei die Idee gerade erst entstanden.

Einen Wäscheladen betreibt sie, an eine grosse Marke gebunden, dabei ist das Geschäft doch klein und sehr persönlich. Und „online“ macht sie gar nicht, das „kenne sie nicht“, und sogar die Mailadresse ist die des Ehemannes. Und dennoch verkauft sie und lebt, und sie freut sich.

Früher hatte sie noch einen grossen Laden mit Outdoor-Bedarf, doch irgendwann hat der sich nicht mehr rentiert. Obwohl sie auch das irgendwann einmal „am liebsten…“ gemacht hat. Ihr heutiges „Geheimrezept“ aber ist gewinnende Herzlichkeit und ein enormes Augenmass für die Wünsche, aber auch die Grenzen ihrer Kundinnen – und bisweilen auch Kunden. – Auch dies ist ein Weg, und sicher kein schlechter.

„Es muss einfach alles stimmen, sonst geht es nicht.“

Gelernter Detailhändler ist er, und die dafür notwendige Genauigkeit und Sachkenntnis nimmt ihm schon nach wenigen Sekunden ab: Hans-Rudolf Schöni atmet Genauigkeit und ist immer ein wenig nachdenklich. Und ausgerechnet in dem Geschäft, das er nun schon seit vielen Jahren führt und das ihm gehört, hat er „als Junger“ einmal – es muss wohl vierzig Jahre her sein – seinen Beruf erlernt.

Doch der Werkzeug- und Haushaltswarenhandel lohnt sich heute nur noch teilweise, und Schöni hat konsequent gehandelt: Die Geschäfte, die er schon in Erlenbach und dann in Wimmis und in Thun hatte, die hat er wieder aufgegeben. Er blieb in Spiez.

Jetzt aber, am heutigen Standort, hat er zwei Dinge mit grossem Erfolg betrieben: Er hat die grösste Ausstellung von Strandkörben in der Schweiz (!) und er betreibt erfolgreich einen eigenen Onlinehandel. Doch damit holt er die Leute vor allem in den Laden. Hans-Rudolf  Schöni gelingt das, worüber andere noch brüten: Er verbindet das Online-Geschäft erfolgreich mit dem Ladenlokal, vor allem durch gekonnte Investitionen und eine konsequente Nischenstrategie.

Und dann, am Ende unserer Begegnung, schliesst er mit etwas, was ihm sehr wichtig zu sein scheint: Auch im Sozialbereich sei er sehr aktiv, und bilde viele Lehrlinge aus, die sonst keine Chance auf einen Ausbildungsplatz hätten, fünf Stück seien es zur Zeit.

Keine Patentrezepte, aber ständiges Neu-Erfinden

Nicht „In-den-Laden-Sitzen“, sondern sich Auffindbar-Machen, Nischen besetzen, Kunden aktiv ansprechen, jede nur denkbare Chance nutzen, das sind sicher alles gute und aus der Praxis des lokalen Gewerbes kommende Hinweise.

Die Politik sollte – auch das immer wieder ein Eindruck aus den Gesprächen mit dem Detailhandel – bei allen Neugestaltungen und Regelungen, zu denen sie sich gerufen und gedrängt fühlt, immer von den Erfahrungen der Praktiker leiten lassen. Denn es ist eben diese Politik, die die Rahmenbedingungen für das Leben der Menschen im Oberland und seinen Tälern schafft. Hier ist das Ziel: Es sind die Menschen und ihre Arbeit.

Kurzum: Viele Faktoren spielen im lokalen Handelsgewerbe zusammen. Doch in jedem Fall ist Detailhandel vor allem eines: Aktives Mitmachen, initiatives Gestalten und Herbeiführen von guten Gelegenheiten, für Kunden und Händler. Denn: „Wer sich nicht bewegt, wird wegbewegt.“

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