100-Jahre-Skizzen: Schweiz und das Oberland 1919

Der Zeitraum rund um die Gründung verschiedener Oberländer Vereine – etwa der SVP Wimmis, der „Volkswirtschaftskammer Oberland“ oder anderer – im Jahre 1919 ist in der gesamten Schweiz gekennzeichnet durch eine enorme Unsicherheit in nahezu allen Lebensbereichen. Ohne die Vorgeschichte dieses Jahres, und auch ohne einige Nachwirkungen, sind die Ereignisse von damals kaum zu verstehen.

Europäische, ja globale Veränderungen grössten Ausmasses «schwappen» damals auf die Schweiz über. Und auch hier ergeben sich in kürzester Zeit grösste Veränderungen. Nur wenige Dinge können und wollen wir hier kurz beleuchten.

Die globale «Urkatastrophe» des 20. Jahrhunderts

Der Erste Weltkrieg (offiziell dauerte er vom 28.7.1914 bis zum 11.11.1918) hatte ausgehend vom Konflikt um die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers in Sarajewo die gesamte Welt in Brand gesteckt. Schon die nackten Zahlen sind erschreckend: von 64 Mio involvierten Soldaten (kämpfende Truppe) weltweit starben rund 15% oder 9,6 Mio. Die Kriegsausgaben betrugen überschlagen weltweit über 1 Mrd. «Goldmark». Nach Schätzungen von Experten wären das in Schweizer Franken auf der Basis von 1918 rund 660 Mio CHF gewesen, was einem heutigen Gegenwert (wegen der Inflation in hundert Jahren) von etwa 66 Mrd. CHF entspricht.

Allerdings waren in allen beteiligten Ländern diese Gelder gar nicht oder kaum vorhanden, und in der Frage, wieso nach Ende des Krieges die Schweiz nicht eine «Hyperinflation» erlebte wie Deutschland und viele andere Länder auch (1923: «ein Laib Brot für 1 Mio Mark») könnte auch mit an der damals hohen Golddeckung des Franken gelegen haben.

Erschwerend kamen an einigen Orten fast apokalyptisch schwierige Zustände: Extremer Hunger, äusserste Armut, die vermutlich aus Amerika eingeschleppte «spanische Grippe», die Millionen von Toten forderte, das waren neben der Geldentwertung und den ebenfalls Millionen von Kriegsverletzten und in Folge der Kriegswirren Erkrankten nur einige der grausigen Stichworte.

Hinzu kam ein völliger Verlust früherer Machtstrukturen (z.B. in Deutschland, Österreich, Ungarn, China und vielen anderen Ländern. Dies Veränderungen beenden fast alles, was «früher einmal» gegolten hatte, und es prägen sich typischen Merkmale dessen aus, was man seither «die Moderne» nennt.

Dies alles geht einher mit grossen Umstürzen und Revolutionen, so im Oktober 1918 in Russland, zu fast gleicher Zeit in Deutschland, in der Türkei oder auch in China, wo das Kaiserreich gewaltsam endet. All das forderte erneut Millionen von Toten, die man eigentlich zu den knapp 10 Millionen gefallenen Soldaten hinzuzählen muss.

Schweiz vom ersten Weltkrieg erheblich berührt

Parallel zu den beschriebenen grossen Umsturz-Ereignissen (und in nachweisbarer Abhängigkeit von ihnen) in den umliegenden Ländern kam es vom 12. bis zum 14. November 1918 auch in der Schweiz zu einem Arbeiteraufstand, dem «Landesstreik», an dem sich rund 250’000 Schweizer in sehr vielen Kantonen beteiligten. Vielleicht mag es rückblickend nachdenklich machen, dass die ersten Streikenden eine grössere Zahl von Zürcher Bankangestellten waren. Der Impuls für den Streik war daher vermutlich in den allgemeinen Arbeitsbedingungen bei Kriegsende zu sehen, und er war nur zum Teil von Arbeiterbewegungen «befeuert».

Der dann aber im Herbst sehr wesentlich von der SP und den Gewerkschaften mit ins Leben gerufene Aufstand (Stichwort: «Oltener Aktionskomitee») wurde von der Schweizer Armee zum Teil mit Waffengewalt (etwa in Grenchen) niedergeschlagen. Er dauerte nur drei Tage, aber er hatte grosse gesellschaftspolitische Auswirkungen.

Zu den nationalen Streikfolgen gehörte nämlich auch die Einführung des schon Jahre zuvor in allen politischen Gruppierungen diskutierten Proporzwahlrechts und – dann erst 1920 – die Einführung der 48-Stunden-Woche sowie die schrittweise Etablierung einer Arbeitslosenversicherung, aus der dann schliesslich in einer langen Entwicklung die AHV entstand.

Besonders das 1919 neue Proporzwahlrecht veränderte die politische Landschaft der Schweiz und des Oberlandes fundamental: Während vor 1919 noch die «Freisinnigen» den Nationalrat dominiert hatten, waren dann zwei relativ junge oder in starken Veränderungen befindliche Parteien die grossen Gewinner des neuen Wahlrechts: Einerseits die Schweizer Sozialdemokraten (SP) und andererseits die Vorläuferpartei der heutigen SVP, nämlich die BGB. Und hier ist der offensichtliche Bezug zum damaligen «schnellen Erfolg» der heutigen SVP in Wimmis: Denn in kürzester Zeit, in wenigen Wochen, hatte sich weit über 100 Bürger der neuen Partei angeschlossen.

Aus heutiger Sicht kaum glaublich sind manch andere Einzelheiten der damaligen Zeit. Einzelheiten, die uns «Heutigen» nur noch wie eine Anekdote erscheinen, damals aber das Tagesgeschehen bestimmten. Ein Beispiel: 1918 und 1919 versuchten die Vorarlberger mit einer Mehrheit von 80% («alle») den «Anschluss» Vorarlbergs an die Schweiz, stark begünstigt durch den Zerfall der österreichisch- ungarischen Monarchie und einer grossen Armut der Bergbevölkerung. Und das wäre fast geglückt, wurde jedoch dann vom damaligen Nationalrat abgelehnt.

Die teilweise unübersichtlichen Verhältnisse der damaligen Tage fanden in vielen Bundespublikationen der damaligen Zeit eine sehr geordnete Darstellung. Hier einige Beispiele:

Botschaft des Bundesrates an die Bundesversammlung betreffend

Die Frage des Beitrittes der Schweiz zum Völkerbund. (Vom 4. August 1919).

«Der Weltkrieg hat die Schweiz grossen Gefahren ausgesetzt und Schwierigkeiten gegenübergestellt, die manchmal unüberwindbar schienen. Aber der Allmächtige hat unser Land vor den Schrecken des Krieges und der Hungersnot verschont. Das muss uns mit tiefer Dankbarkeit erfüllen.»

Botschaft des Bundesrates an die Bundesversammlung

Betreffend die Arbeitszeit in den Fabriken. Vom 29. April 1919

«Am 3. Januar 1919 fand in Bern eine vom Volkswirtschaftsdepartement einberufene Versammlung von Arbeitgebern statt, in der diese Frage diskutiert und der Wille zur Verständigung und zur Verhandlung mit der Arbeiterschaft ausgesprochen wurde…

Die wichtigste dieser Abmachungen ist die von der Maschinenindustrie getroffene, wonach die Arbeitszeit vom 1. Mai an auf 50 Stunden und vom 1. Oktober an auf 48 Stunden in der Woche reduziert wurde…»

Aus dem Jahresbericht der Schweizer Nationalbank zum Jahr 1919

«…Auf dem Kapitalmarkte standen einer den ersten Kriegsjahren gleichkommenden Kapitalbildung die Kosten der sich verteuernden Lebenshaltung, erhöhte Steuern und der grosse Mindereingang, wenn nicht gar vollständige Verlust aus im Ausland angelegten Kapitalien hindernd im Wege.»

Simmental und Oberland rund um das Jahr 1919

Mit dem ersten Weltkrieg gingen naturgemäss auch im Simmental erhebliche Änderungen einher. Eine der erst später wirklich beachteten Veränderungen ist der Niedergang des Bäderwesens, vor allem in Weissenburg, das zuvor seit 1604 überregional genutzt, gefördert und europaweit bekannt geworden war. Sehr schnell spürbar war nach dem Krieg jedoch das Ausbleiben auswärtiger Touristen, von denen die meisten aus den verfeindeten Kriegsparteien (zum Beispiel Engländer und Deutsche) des Weltkriegs stammten. Hier war – fast im Stillen – eine kleine Welt zugrunde gegangen.

Weiter, zum Verkehrsbereich: Wimmis – noch 1870 als vorrangiger Eisenbahnknotenpunkt im unteren Simmental und am Thuner See vorgesehen – musste diese Rolle früh an Spiez abgeben. Und Spiez war in «unserem» Jahr 1919 bereits als ein grosser und in den Grundzügen noch heute bestehender Bahnhof ausgebaut.

Bahnhof Spiez 1919 (Luftbildaufnahme der ETH Zürich; gemeinfreie Lizenz)

Beispiel der Infrastruktur-Entwicklung: Der Bahnhof Spiez in einer frühen Luftaufnahme 1919; Veröffentlicht unter «gemeinfreier Lizenz» der ETH Zürich

Als noch vor dem Ersten Weltkrieg die Montreux-Berner-Oberland-Bahn (es war am 6. Juli 1905) Zweisimmen erreicht hatte, waren auch Erlenbach (als überregional bedeutender Viehhandelsplatz) und Wimmis selbst definitiv an ein überregionales Verkehrsnetz angeschlossen.  Dies führte jedoch (anders als in den späteren Industrieregionen im In- und Ausland) nur in geringem Masse zu einem Aufschwung einer industriellen Produktion, sondern man transportierte Vieh und Menschen aus den traditionellen Gewerbezweigen (und damit auch zunehmend wieder Touristen) in das Simmental. Und wieder hinaus.

Der erste Weltkrieg jedoch scheint, nach allem, was man heute weiss, im Herbst 1918 und dem folgenden Jahr 1919 ein jähes Ende bereitet zu haben. Der langjährige Vorsitzende der Historischen Kommission in Wimmis, Erich Liechti, beschrieb mit besonderem Blick auf den Tourismus im Oberland diese Zeit rund um den Ersten Weltkrieg einmal so:

«Auf die Hausse der „Belle Époque“ Ende des 19.Jh und zu Beginn des 20.Jh folgte der erste Weltkrieg 1914. Der erste Weltkrieg bedeutete eine Katastrophe für den Tourismus. In wenigen Tagen leerten sich die Hotels und die Bergbahnfrequenzen sanken gegen Null. In den meisten Gastbetrieben, vorab den grossen Hotels (Schonegg, Spiezerhof, Eden, des Alpes in Spiez sowie die Etablissements in Interlaken, Meiringen, Grindelwald und Mürren) und luxuriösen Badbetriebe (Heustrich, Weissenburg, Gurnigel) war plötzlich gähnende Leere.»

(Erich Liechti, «Der Beginn des Tourismus im Berner Oberland»; aus Website Gemeinde Wimmis).

In Wimmis ging als einer der wenigen Industriebetriebe 1919 die «Eidgenössischen Pulverfabrik Wimmis» in Betrieb, deren Bau 1917 begonnen worden war. Als damals grosser industrieller Arbeitgeber markiert dies auch den Anfang einer wichtigen gesellschaftlichen Tendenz, die im Oberland bis heute erst schrittweise Einzug gehalten hat: der Industrialisierung.

Als Reaktion auf die damaligen wirtschaftlichen Verhältnisse konstituierte sich jedoch in dem betrachteten Jahr 1919 auch die «Volkswirtschaftskammer» des Oberlandes, die ebenfalls im laufenden Jahr 2019 ihr 100jähirges Jubiläum feiern wird und heute ihren Sitz in Spiez hat.

1919, so kann man also zusammenfassend sagen, war eine Jahr der Wende, auch im Oberland und im Simmental. Und, wenn alles gutgeht, dann werden wir im Laufe des Jahres 2019 noch manches Mal «100 Jahre zurückdenken».

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