100 Jahre Sorgfalt und Weitsicht

1919: Im ersten Weltkrieg war die Schweiz war keine Kriegspartei. Aber das Elend der Nachbarstaaten traf auch die Eidgenossenschaft. Überall bildeten sich so etwas wie «Selbsthilfegruppen» (Vereine, Parteien u.a.). Die «Volkswirtschaft Berner Oberland» war 1919 eine von Ihnen und feiert jetzt Jubiläum.

Gründungsimpuls und heutige Arbeitsgebiete

«Volkswirtschaft Berner Oberland» – Was ist das eigentlich? Der am 15. November 1919 in Interlaken unter dem Titel «Volkswirtschaftskammer des Berner Oberlandes» gegründete Verein beschäftigte sich von Anfang an mit Förderung des Wirtschaftsstandortes Berner Oberland. Noch heute führt er als Zweck die «Förderung des Wirtschafts- und Lebensraumes Berner Oberland mit den Bereichen Wirtschaft (…), Kultur und Bildung» in den Statuten.

Mitglieder der «Volkswirtschaft» können Gemeinden, Unternehmen, Organisationen oder Einzelpersonen sein. So sind z.B. knapp 70 Gemeinden und eine ganze Reihe wichtiger Unternehmen des Berner Oberlandes Mitglied in der «Volkswirtschaft». Und die Zusammensetzung des Vorstandes zeigt die tiefe gegenseitige Verschränkung von Gemeinde-, kantonalen und privatwirtschaftlichen Strukturen in der «Volkswirtschaft»: National- und Kantonsräte, stehen neben Unternehmern, aktiven Politikern und Funktionsträgern des Kantons. In formellen (z.B. in Gremien oder Beiräten) und informellen Beziehungsgeflechten (Netzwerke) nehmen Sie alle an der Arbeit der «Volkswirtschaft» teil und finanzieren sie mit.

Vorstand der Volkswirtschaft Berner Oberland. V.l.n.r. hinten: David Kalensky (Standortförderung Kanton Bern), Markus Wenger (Grossrat und Unternehmer, Spiez), Michael Teuscher (Regierungsstatthalter Obersimmental/Saanenland), Albert Rösti (Nationalrat, Präsident SVP Schweiz und Gemeindepräsident Uetendorf), Beatrice Fridelance (Präsidentin Kulturrat der «Volkswirtschaft»), Roger Friedli (Thun-Thunersee Tourismus, Vize-Präsident Berner Bergbahnen), Jürg Grossen (Präsident «Volkswirtschaft Berner Oberland», Nationalrat und Geschäftsführer Elektroplan Buchs + Grossen AG), Vera Brawand (Gastgeberin Hotel Kirchbühl). V.l.n.r. vorne: Susanne Huber (Geschäftsführerin «Volkswirtschaft Berner Oberland»), Ernst Hodel (Gemeindepräsident Zweisimmen), Monika Rychener (Vorstand «Volkswirtschaft Berner Oberland»)

Die Arbeitsgebiete der «Volkswirtschaft Berner Oberland» sind heute vielfältig: Für eine Reihe von Oberländer Verbänden übernimmt die «Volkswirtschaft» Geschäftsführungs- und Administrations-Aufgaben. Hierzu zählen insbesondere:

  • «BEO Holz», die Oberländische Arbeitsgemeinschaft für das Holz
  • der Verband Berner Bauern, Kreiskommission Berner Oberland,
  • die Bernischen Vereinigung Bildung und Wirtschaft,
  • der Verein Ländliche Entwicklung Berner Oberland,
  • aber auch den Verein Klassikfestivals Berner Oberland.

Für die «Initiative Holz|BE» übernimmt sie die gesamte Geschäftsstelle. Im Rahmen der beruflichen Erwachsenenbildung organisiert die Volkswirtschaft Berner Oberland zudem in Zusammenarbeit mit der Erziehungsdirektion des Kantons Bern Kurse für Erwachsenenbildner, die mit einem eidgenössischen Zertifikat abschliessen. Und in Interlaken werden Kurse zur Arbeitsintegration angeboten.

Die «Volkswirtschaft» hält zudem anmietbare Sitzungsräume in Spiez und Interlaken vor und organisiert für Neu-Gründer/-innen und Kleinfirmen die Initiative «Co-Working», wo Arbeitsplätze auf Zeit und Infrastruktur flexibel anmietbar sind. Das Angebot der Volkswirtschaft Berner Oberland steht so genannten «digitalen Nomaden», Homeworkern, Startups, Einzelunternehmern und «allen, die sich für ihren Büroalltag einen Tapetenwechsel wünschen», offen.

Den Schwerpunkt Ihrer Aufgaben sieht die «Volkswirtschaft» aber in der Vernetzung (über Anlässe und Firmenbesuche), das politische Lobbying für wichtige Themen des Berner Oberlandes, das Engagement in Regionalentwicklungsprojekten sowie in Angebote zur Arbeitsintegration.

Grosse Veränderungen seit 1919

Zum Zeitpunkt der Gründung der heutigen «Volkswirtschaft» im Jahre 1919 litt das Berner Oberland unter den Folgen des ersten Weltkrieges, der Ende 1918 zu Ende gegangen war: Die Strukturen in den landwirtschaftlich und touristisch geprägten Tälern litten unter den oft über Nacht weggebrochenen Absatzmärkten, unter dem Ausbleiben von Touristen und dem damit verbundenen Leer- und Stillstand in Hotels, Pensionen und Bergbahnen. Vor allem fanden die eigenen Produktionen wie Holz und Vieh keine externen Absatzmärkte mehr. Auch war das Geld äusserst knapp und Kredite im Vergleich zu heute teuer (z.T. über 6% Zins).

Die «Köpfe» der im November 1919 gegründeten «Volkswirtschaftskammer», der Nationalrat Hans Roth als Präsident, und der Geschäftsführer Dr. Hermann Gurtner, standen daher vor einer schweren Aufgabe: Die nationalen Organisationen der Schweiz in Bern, Genf und Zürich konzentrierten sich vor allem auf die dringend gebotene Industrialisierung des Landes.

Doch der ländliche Raum im Berner Oberland mit seiner eigenen Struktur drohte, politisch «aus den Köpfen» zu verschwinden und brauchte deshalb eine Interessengemeinschaft, die die Oberländer Belange auch vor Politik und den grossen Arbeitgeber vertrat. Genau deshalb wurde die damalige «Volkswirtschaftskammer» gegründet.

Spiez, Bahnhofsareal, im Jahre 1919

Weibliche Prägung der Geschäftsführung

Die heutige Geschäftsführerin, Susanne Huber (ehemalige Gemeindepräsidentin von Meiringen), drückt das im Interview so aus: « Die Volkswirtschaft Berner Oberland ist eigentlich ein PR-Organ. Wir setzen uns für gute Rahmenbedingungen ein, wir haben ja keine Entscheidungsgewalt, aber wir können unseren Einfluss geltend machen.»

Susanne Huber («ich arbeite geduldig, aber hartnäckig») lässt während des Interviews die Geschäftsführer letzten Jahrzehnte Revue passieren und kommt dabei zu dem Schluss, dass es in den gesamten 100 Jahren Vereinsgeschichte mehrheitlich Frauen waren, die die Arbeitsweise des Vereins geprägt haben: Ab 1919 Dr. Hermann Gurtner und andere, dann aber Margit Zwahlen (1940 – 1979), Sonja Müller (1979 – 1984), Alfred Aeschlimann (1985 – 2001), Norbert Riesen (2001 bis 2006), schliesslich sie selbst, Susanne Huber (sei 1.3.2007). «Es war schon gut so, und wir haben uns immer wieder ergänzt», blickt sie nachdenklich zurück.

Aktuelle Herausforderungen

Als aktuelle Herausforderungen der Organisation sieht Geschäftsführerin Huber vor allem, dass das Oberland in Bern wieder «mehr sichtbar» ist, dies schliesse natürlich das Kander- und Engstligental mit ein. Diese «neue Sichtbarkeit» zu erreichen, das ist eines ihrer ausdrücklichen Ziele für die kommenden Jahre.

Im Innern sei es wichtig, immer wieder eine «Solidarität der Firmen» zu erreichen. Aber «innen» wie «aussen», könne die Aufgabe nicht gelingen, wenn man «die in Bern einfach machen lässt.» Das Oberland müsse es immer wieder neu schaffen, in der Politik mit einer starken Stimme zu sprechen.

Dieser innere Zusammenhalt wird am 25. April in einer Generalversammlung und einem anschliessenden Festakt Hauptgegenstand der dann beginnenden Jubiläumsfeierlichkeiten der «Volkswirtschaft» sein. Man darf gespannt sein, wie die sich dann im Laufe des Jahres 2019 entfaltenden weiteren Jubiläums-Aktivitäten dieser Zielstellung zusätzlichen Ausdruck verleihen.

Der Artikel ist im Original am 5.4.2019 im „Frutigländer“ erschienen.

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