Wer geht noch ins Museum? – Wenn Einheimische Einheimisches schätzen

Es ist ein wenig eine einsame Mission, die Fritz Walther da ausführt. Er ist Schlossführer in Wimmis, und er verwaltet durch sein Amt nicht etwa das materielle, sondern vor allem das ideelle Erbe des Schlosses und in erheblichem Umfang auch des Ortes Wimmis. Einsam ist die Mission, weil es im Laufe eines Jahres nicht viele Besucher gibt, die sich seiner ruhigen, kundigen und zutiefst freundlichen Führung anvertrauen.

Und es sind diese Menschen, die – so könnte man oberflächlich meinen – auch das Ziel touristischer Werbung sein könnten und die man vielleicht als (auswärtige) Gäste des Oberlandes gewinnen könnte.

Doch sie sind es nicht, sie können es vermutlich nur in geringem Umfang sein. Denn zumindest für Wimmis gilt: Die Besucher des Schlosses in Wimmis kommen, so der Schlossführer, mehrheitlich aus dem Niesen-Dorf selbst. Und ihre Motive zum abendlichen (und ausgesprochen spannenden) Besuch des Schlosses sind recht einfach: Sie wollen den Ort besser kennenlernen, in dem sie – eventuell schon lange – leben. Und sie wollen ihn ihren Kindern zeigen.

Einheimische Besucher – Einheimischer Führer

Man kann daraus vielleicht lernen, dass historisches Erbe nicht zwingend eine Grundlage für touristische Aktivitäten sein kann. Im Gegenteil, Erbe kann sogar belasten: Es zu wahren kostet Geld, und bisweilen muss man sich völlig neue Dinge einfallen lassen, damit das mit der Attraktivität immer wieder neu klappt.

Die Beispiele sind bekannt: Wimmis selbst hat dafür eine Kulturkommission eingerichtet, die ein Museum betreibt (siehe Gemeindewebsite), Erlenbach hat sein Agensteinhaus, und im Nachbartal hat Frutigen vor kurzem die erneute Freigabe der Tellenburg als Besucherattraktion (nach Abschluss von Baumassnahmen) und Kandersteg ein neues touristisch orientiertes Museum verkündet.

Ist «Binnen-Marketing» eine Lösung?

Bleiben wir in Wimmis: Bei der ersten Schlossführung des Jahres 2019 Mitte April war das Interesse der Handvoll einheimischer Besucher gross. Sie waren hoch erstaunt sowohl über Alter, Grösse und Ausstattungsgrad des Schlosses. Und so dauerte der Abend deutlich länger als zunächst gedacht. Kleine und alltägliche Dinge interessierten vor allem: Wie sind die Türen gebaut, wie die Dutzende von Schlössern im Schloss konstruiert, woher kommen die Zeichen an der Wand, wie hat man gekocht, wie benutzte man das WC, wie viele Stufen gibt es auf den Treppen (es sind 151) und wie verliefen die Strassen und Wege? Das waren die Fragen, die man buchstäblich dadurch versuchte zu «begreifen», in dem man sie anfasste, beging, durchschritt.

Erst dann kamen die eher spektakulären Dinge, wie der Kerker, das Gefängnis oder irgendwelche Schlachten und Eroberungen. Alltag, Leben, «unser Leben vor langer Zeit», das interessiert. Das «Grosse», das «Bedeutende», das «Weitreichende», all das ist schwer einzuordnen. Dies umso mehr, als das Interesse an «Geschichte» in den Schulen anscheinend sehr klein ist. Und damit der Hintergrund fehlt.

Was ist ein «Mörderloch»? Dass Überleben in einem Kerker gar nicht unbedingt immer Ziel war, das liess schon «Hühnerhaut» bei den Besuchern im Wimmiser Schloss entstehen.

Spezielle Zielgruppen ansprechen?

Doch vielleicht wäre touristisch dennoch mehr möglich. Dann nämlich, wenn man sehr spezielle Zielgruppen auch international anspricht und so genanntes «Special Interest Marketing» betreibt. Man müsste diese Interessierten in «halb Europa», in den Museumsvereinen, in den Städten, an den Universitäten suchen. Falls sich der Aufwand lohnt…

Am Schlossführer Fritz Walther sollte es nicht liegen: Er könnte leicht Gäste aus halb Europa in ihrer Landessprache «bedienen». Schon sprachlich: Er spricht natürlich Berndeutsch, und auch Hochdeutsch geht prima. Ein wenig Englisch könnte er wohl auch, und das kann man sicher auch noch fördern. Kaum einsetzen aber kann er sein exzellentes Französisch, das er während 35 Jahren Aufenthalt in der Romandie erworben hat.

Und das schmerzt fast ein wenig, wenn man es «von aussen» ansehen muss und dabei weiss, dass der romanische Anteil der Wimmiser Geschichte weit und breit unterschätzt wird. Dies gilt im Übrigen – auf immer wieder andere Weise – für viele Teile des Berner Oberlandes. Und so beginnen die Augen des Schlossführers warm zu leuchten, wenn er von der «berühmten Königin Bertha» von Hochburgund erzählt, die man fälschlicher Weise oft für eine Sagengestalt hält und auf die die frühmittelalterliche Entwicklung des Wimmiser Schlosses und der Thunersee-Kirchen zurückgehen soll.

Doch Bertha war – auch wenn sie vor über 1000 Jahren gelebt hat – eine historisch bedeutende Gestalt, die für die Entwicklung der späteren Schweiz eine wichtige Rolle gespielt hat: Berthas Tochter Adelheid (durch ihre Urkunde von 994 wird die Burg Wimmis explizit greifbar) war nicht nur Königin von Burgund wie ihre Mutter. Sie war auch Königin der Lombardei und weiter Teile des heutigen Italien.

Sie brachte dieses Erbe in die – spektakulär angebahnte und an ein Märchen erinnernde – Hochzeit mit dem deutschen König und späteren «Kaiser der Römer», Otto I., ein.  951 heiratete Otto Adelheid im italienischen Pavia, und sie wurde wenig später Mutter des nächsten Kaisers, Otto II., und 962 Kaiserin. Und es gibt Historiker, die denken, dass er ohne Adelheid, die Tochter Berthas, Otto nie Kaiser geworden wäre. Und damit wäre sowohl die Geschichte der Schweiz als auch die von ganz Europa in anderen Bahnen gelaufen.

Das Wimmiser Paar mit Kind jedenfalls, das an der ersten Führung durch das Wimmiser Schloss an einem kalten Aprilabend teilnahm, war auf all das kaum vorbereitet. Und dennoch gab es diese – ermutigenden – «Ahhs» und «Ohhs», die öffentliches Erstaunen meist begleiten.

Bei Licht besehen: Jeder Museumsbesuch lebt von der Information

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