Symphonie der Gegensätze

Alles: Sonne, Sturm und einen festlichen Ausklang erlebte das glänzend organisierte 52. bernisch-kantonale Jodlerfest, das vom 14. bis 16. Juni in Brienz stattfand. Wer das gesamte Fest von Anfang bis Schluss verfolgte, erlebte eine regelrechte Symphonie der Gegensätze. Der folgende Beitrag schildert die Eindrücke – passend in musikalisch «getönter» Sprache.

Bleibt man in der musikalischen Sprache, so hatte das 52. bernisch-kantonale Jodlerfest in Brienz am 14.6. zunächst verhalten, nur summend und leise klingend, begonnen. Und die vielen meist mit dem Schiff aus Interlaken angereisten internationalen Gäste rieben sich am Morgen wegen des für sie ungewohnten und unerwarteten Anblicks noch die Augen und bestaunten die Trachten und Instrumente samt den gut gelaunten ersten Teilnehmer des Jodlerfestes.

Doch mit der Mittagsstunde des ersten Tages nahm das Ganze Fahrt auf und «begann zu klingen»: Im Rahmen der feierlichen Eröffnung waren die ersten innigen Töne an der Seepromenade zu hören. Und wie in einer Ouvertüre klangen schon – zurückhaltend – alle Motive der späteren Aufführung, des Jodlerfestes, an. Und auch der «Dirigent» des Festes, der Brienzer Gemeindepräsident Bernhard Fuchs, verbreitete Zuversicht und Frische.

Mit Beginn der Wettbewerbe schwoll dann aber das anfangs noch verhaltene «Mezzoforte» in einem langsamen «Crescendo» zu einem vielstimmigen «Forte» an. Noch mehr: An den vielen Spiel- und Wettbewerbsorten entfalteten sich sehr individuelle Klang- und Erlebnisbilder in ganz eigenen Stimmungen. Denkt man «musikdramatisch», so entstand an diesem Abend in Brienz ein unwiederholbares Gesamtkunstwerk aus Tönen, Bildern und angeregt-erregter Kommunikation.

Konzentrierte Wettbewerbe

Am Samstag war dann – erneut in Opern-Sprache gedacht – endgültig die Zeit der «grossen Aufzüge» gekommen. Zwar standen nicht Wagners «Meistersinger» auf dem Programm, aber man suchte an diesem Tag eindeutig die «Berner Singmeister», die Meister und Meisterinnen des Alphornblasens und Fahnenschwingens natürlich auch.
Doch allenthalben spürte man, dass eine neue Zeit anzubrechen scheint: Quer durch alle Generationen wurden ständig Handys gezückt, man nahm sich selbst auf, und auch andere, Akteure wurden gefilmt und die Videos direkt online gestellt. Und man kommunizierte weit über das eigentliche Fest hinaus. Vermutlich in die ganze Welt.

Überhaupt die Kommunikation: Sie war bei dem Jodler-Fest extrem spürbar und allgegenwärtig. Und noch mehr als die grossen Reden (die wir hier einmal etwas weniger beachten) waren es die unendlich vielen kleinen und grossen Gesten, die das Menschliche und Warmherzige dieses Festes am besten wiedergeben. Einige von uns online gestellte Fotos verdeutlichen, verbildlichen das.

Stürmische Drohungen und Frutigländer Höhepunkte

Eine wahrhaft dunkle Stunde erlebt das Fest dann am Samstagabend, bei laufenden Wettbewerben. Ein Weltuntergangsszenario schien sich zu entfalten, frei nach dem Komponisten Richard Strauss («Alpensymphonie»), und ein orkanartiger Sturm fegte über das Fest hinweg. Vielen stand die Angst ins Gesicht geschrieben, er würde gar das gesamte Fest hinwegfegen.

Doch das tat er nicht. Zwar fiel die Temperatur eine gewisse Zeit um fast 20 Grad und es hagelte, dass man schon meinte, der Winter käme erneut. Aber dann konnten Chöre und Akteure ihr Programm mit sprichwörtlich Schweizer Präzision minutengenau beenden.
Wie dabei die Frutigländer Akteure dabei abschnitten, das kann man in dem beigefügten «Kasten» genau ablesen. Und für viele von ihnen war das Fest vielleicht auch ein Höhepunkt des «Singjahres».

Fröhlicher Abschluss: Tief berührend – hoch interessant

Geradezu ausgelassen endete das Fest am Sonntag bei erneutem Sonnenschein mit einem grossen Festakt samt einer Fülle von Ehrengästen. Tief berührend war dabei nach der feierlichen Fahnenübergabe der gemeinsame Gesang im Festzelt.
Hoch interessant freilich die Bemerkung des Festredners, des designierten Präsidenten der kantonalen Regierung und Volkswirtschaftsdirektors Christoph Ammann: Man wolle bei der UNESCO erreichen, dass der Schweizer Jodelgesang zu einem «immateriellen Weltkulturerbe» erklärt werde.

Und vielleicht ist das wirklich ein guter Weg, um die Attraktivität der Schweizer Traditionsmusik noch weiter zu steigern. Wenn man nämlich tiefer schaut, bahnt sich da eine Wende, eine Internationalisierung selbst des bernischen Jodelns an: Sinnbild dafür war nicht nur die offizielle Teilnahme einer (auf Berndeutsch singenden!) Abordnung des koreanischen Jodelverbandes (quasi «chor-eanisch»), sondern auch das spürbare Interesse der überregionalen Besucher des kantonalen Festes.

So schloss sich am Ende der Kreis zum Anfang, zu der «Ouvertüre». Und in einem «Finale Furioso» endete das … bernisch-kantonale Jodlerfest am Sonntagnachmittag mit einem Festumzug.

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