Schweizer Sein heisst Schweizer Werden

Wie wird man Schweizerin oder Schweizer? Man wird so geboren, könnte man meinen. Aber reicht der Pass? Was, wenn man – trotz Schweizerpass – die Schweiz noch nie oder nur ganz wenig gesehen hat? Was wenn man im Extrem keine Einzige der Landessprachen spricht? Was ist denn «ein Schweizer»?

In den insgesamt 8 Sommerlagern und der zusätzlichen «Schweizerreise» der «Stiftung Auslandschweizer» drängen sich solche Fragen automatisch auf. Und zum grossem Erstaunen kennen die Kinder in dem von uns besuchten Lager, das zur Zeit in Adelboden stattfindet, eine Antwort. Zumindest eine, die sie selbst zufrieden stellt.

Spielend SchweizerIn werden

Eigentlich ist es ganz einfach: Man ist ja nicht ohne Grund Schweizerin oder Schweizer! Mindestens ein Elternteil ist Schweizerbürger und/oder man ist sogar noch in der Schweiz geboren. Aber dann…

Die Ausgangslage ist im Einzelfall nämlich meist schwieriger. 10 Prozent der Schweizerbürger leben und arbeiten dauerhaft im Ausland. Oft haben sie auch einen Nicht-Schweizer Ehepartner, und die gemeinsamen Kinder haben zwar noch einen Schweizer Pass, aber kennen ihre Wurzeln kaum oder gar nicht. Später freilich werden sie wählen oder gar ins Land zurückkehren können.

Für solche Familien bietet die vom Bund unterstützte «Stiftung für junge Auslandschweizer» (www.sjas.ch) für jährlich rund 400 Auslandschweizer Kinder aus fünfzig verschiedenen Ländern an wechselnden Orten Ferienlager in der Schweiz an. Auf dem Programm stehen Spiel- und Sportturniere, Wanderungen, aber auch Ausflüge in Städte und Museen, die Besichtigung von Sehenswürdigkeiten oder eine Übernachtung auf dem Bauernhof.

Das Lager in Adelboden

Beim Besuch des Lagers, das zur Zeit zwei Wochen lang in Adelboden stattfindet, bietet sich ein wahrhaft multikulturelles Bild: Zwar sind die Lagersprachen (Schrift-)Deutsch, Englisch und Französisch (in anderen Lagern auch Italienisch und Spanisch), aber das unter den Kindern herrschende Sprachwirrwarr wirkt ein wenig «babylonisch»: Man hört auf Anhieb ein Dutzend Sprachen. Doch das kleine Wunder ist: Alle verstehen sich!

In Adelboden sind dieses Jahr Kinder von 8 bis 12 Jahren versammelt und stürzen sich jeden Tag in neue Aktivitäten. Das sind vorzugsweise Dinge, die angeblich typisch sind für die Schweiz. Am Besuchstag waren das zum Beispiel Butter machen, Zöpfe flechten, Scherenschnitte-Üben oder das Erlernen des Adelbodener Vogellisi-Liedes. Natürlich auf Berndütsch.

Drei Kinder – drei Geschichten

Drei Kinder konnten wir befragen, und wir haben jeweils die Sprache benützt, die die Kinder am besten konnten. Die Fragen waren sehr ähnlich, die Antworten jedoch ausgesprochen persönlich. Denn irgendwie scheint es allen, so jung sie noch sind, «irgendwie» klar zu sein, wie man Schweizer wird – ober bleibt. Die Interviews im Einzelnen:

Claire (11)

Claire wurde in Hamburg geboren und spricht «lupenrein» Hochdeutsch, sogar mit einem norddeutschen Akzent. Sie lebt mit ihrer französischsprachigen Schweizer Mutter und ihrem deutschen Vater in den Aussenbezirken von Paris, wo sie die 7. Klasse besucht, und so ist Französisch zu ihrer «zweiten Muttersprache» geworden.

«Ich bin eine Schweizerin», sagt Claire überzeugt, ergänzt aber dann nachdenklich, die Schweiz sei nicht ihre Heimat. Dennoch mag sie einige typische Schweizer Dinge sehr: «Schokolade ist lecker», das ist eine «brave» hochdeutsche Antwort. Aber mit Käse könne sie nicht so viel anfangen, obwohl ihr Fondue gut schmeckt. Das Lager aber ist «toll», und es scheint, als ob Claire der Meinung wäre, «Schweizerin werden», das ist alles Übungssache.

Roberto (8)

Roberto, Sohn einer Schweizer Mutter aus der Romandie und eines italienischen Vaters, lebt am Rande von Rom und besucht dort die im Kern deutschsprachige Schweizer Schule. Dennoch (und trotz des deutschsprachigen Mathematikunterrichts, wie er stolz versichert) ist er langsam mit deutschen Antworten, und schon nach wenigen Sätzen wechseln wir ins Italienische. Dann erzählt er freilich fliessend und gibt Einblicke in seinen Alltag und sein Familienleben, in seiner Heimatsprache Italienisch.

Ob es ihm gefällt, Schweizer zu sein? Ja, klar, lautet die kurze Antwort. Nur ist Französisch nicht mehr seine «Lingua Madre», seine Muttersprache, aber sicher sei er Schweizer! Und was er denn ganz besonders mag an der Schweiz? Es sind die Chalets, überrascht uns Roberto, «die Chalets», wiederholt er strahlend. Natürlich auch der Käse, und er nickt dabei heftig. Und die Schokolade, «die mag doch jeder». Was ihn am tiefsten beeindruckt habe: «La cascata», kommt es schnell wie ein Gewehrschuss. Roberto meint die Engstligenfälle, die sie tags zuvor besucht haben.

Zuhause hat Roberto aber nicht sehr viel Platz zum «Schweizer-Sein». Zwar lernt er Deutsch beim Schulbesuch, aber um ihn herum sind die «Nonna» und der «Nonno», und dann noch viele andere Verwandte, und das Haus sei ständig voll. Und alle reden Italienisch.

Nyla (11)

Nyla wurde in der Schweiz geboren, ist aber mit ihren Eltern und ihren beiden älteren Geschwistern im Alter von 1 Jahr in die USA gezogen. Dort, im Bundesstaat Cailfornia, leben sie in einer grösseren Stadt. Sie kann noch etwas Schwyzerdütsch, was sie kaum benutzt, aber auf Englisch erzählt sie wortreich und stets den Blick in eine weite Ferne gerichtet.

In Nylas Leben «gibt es die Schweiz» noch, und Schwyzerdütsch ist die «Geheimsprache» ihrer älteren Schwestern, wenn es die amerikanischen Freundinnen nicht hören sollen. Raclette und Fondue sind die Regel bei allen grossen Feiern, und sie ist hell entsetzt, dass ihre deutschen Freundinnen «immer nur» Pasta essen. «Haben die kein eigenes Essen?».

Nyla lebt in den USA in einer lärmigen Grossstadt und geniesst die Ruhe der Berge und «fresh air», frische Luft. Klar, auch sie mag Schokolade und Käse. Und sie habe auch schon Kühe gesehen. Auf die Frage, wie viele denn, zählt sie kurz und antwortet dann mit tiefem Nachdruck: «Five». Immerhin, fünf Kühe sind ein Anfang. Nyla wird wiederkommen, denn in die Schweiz zu kommen, das ist für sie «a bigger thing», eine grössere Sache, und es gäbe ja noch viel zu entdecken, zum Beispiel die Sache mit dem «Heimatort», «the home town concept».

Eine Attraktion: Lagerleiter-Sein

Kein Lager ohne Leiter. Und die beiden Leiter des diesjährigen Lagers in Adelboden, Stefan Leuch und Roger von der Crone, geben lebhaft und mit erkennbar positiven Emotionen Auskunft über ihre Ferien-Tätigkeit. Der Software-Ingenieur von der Crone (13. Lager!) findet spontan Zugang zu allen Kindern und seinen Mitarbeiterinnen, darunter zwei «Auslandschweizer-Köchen». Geduldig erläutert er die Faszination des Leiter-Seins und den intensiven Kontakt zu den Kindern.

Währenddessen versucht sich Stefan Leuch im Stile eines Strassensängers am Einstudieren des Vogellisi-Liedes – im Original. Und siehe: Die Kinder lernen in Windeseile.

Alles in allem: Die Stiftung Junge Auslandschweizer leistet mit der Organisation der Jugendlager «ganze Arbeit». Und das Lager in Adelboden wird mit Sicherheit eine Art «innerer Ankerplatz» sein für die jungen Schweizerinnen und Schweizer aus der ganzen Welt, die daran teilnehmen.

Der Artikel erschien in leicht angepasster Form erstmals im „Frutigländer“ im Juli 2019. 

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